Dem Holz entrissene Grafik und Reliefs aus Papier

Andreas Rosenthal zeigt vielschichtige Schwarzweißmalerei

Eigentlich ist das Werk von Andreas Rosenthal, wie es sich seit gestern in der städtischen Galerie präsentiert, ein Werk, das sich aus Gegensätzen definiert, verbunden allenfalls durch den gestisch bestimmten Duktus. Formate von Wandgröße stehen Serien kleiner Flächen gegenüber, solides Schichtholz transparentem Papier, Schwarz und Weiß als größtmöglicher und – fast – einziger Kontrast. Der Griff in die graphische Abteilung scheint näher als jener in die Malerei, offenkundiger als jener in die Bildhauerei.

Dennoch: Es wäre eine oberflächliche Weise, sich in den Bildern des Münsteraner Künstlers zu nähern, denn sie sind vielschichtig, im wahrsten Sinne des Wortes, sie
haben verschiedene Seiten, und sie tragen die Spuren aller drei Disziplinen. Auch eine Papierarbeit trägt durch ihren Entstehungsprozeß die Züge eines Reliefs, bedingt also eine bildhauerische Auseinandersetzung. Die “Raum-Zeichnungen” haben zwar zwei bildtragende Seiten, auf denen schwarze Zeichen, Kalligrafien einer subjektiven Sprache, sichtbar werden, reichen allerdings durch ihre Transparenz, die Wahrnehmung der anderen Seite aufgrund der nunmehr grau scheinenden Flächen weit über die Zweidimensionalität hinaus.

Andererseits sind die Reliefs, die Rosenthal aus dem Schichtholz sägt und stemmt, in denen Dr. Adolf Smitmans, der gestern abend in das Werk Rosenthals einführte, den “Spürsinn für unsere geahnten Möglichkeiten sowie unser zugefügtes wie erlittenes Leid” liest, bei all ihrer Kantigkeit, den gerissenen Holzwunden und aufgebäumten Splittern auch fast sublime Grafiken, die nun wirklich in die Tiefe gehen, eine Malerei aus größten und kleinsten schwarzen und weißen Flächen.

Bodo Schnekenburger
Tuttlinger Zeitung, 4./5. April 1998